In einem Interview mit dem Industriemagazin spricht der Geschäftsführer von ABB Österreich, Franz Kohlmaier, über Nachhaltigkeit „quer durch die Palette". Der Schweizer Industriekonzern, der in Österreich zu den wichtigsten Anbietern von Elektrotechnik, Automatisierungslösungen und Gebäudeautomation zählt, positioniert sich damit im Kontext der verschärften Klimaziele. Doch bei genauerer Betrachtung bleiben viele Fragen offen: Konkrete Zahlen, messbare Ziele oder nachprüfbare Meilensteine liefert das Interview kaum. Zeit für einen kritischen Faktencheck – was steckt wirklich hinter der Nachhaltigkeitsstrategie der österreichischen Landesgesellschaft?

Nachhaltigkeitskommunikation ohne konkrete Kennzahlen

Das Interview folgt einem bekannten Muster: Allgemeine Bekenntnisse zu Klimaschutz, Energieeffizienz und grünen Technologien dominieren, während präzise Angaben zu CO₂-Reduktion, Energieverbrauch der eigenen Standorte oder konkrete Produktziele fehlen. Kohlmaier spricht zwar von einer Nachhaltigkeitsstrategie, die sich durch das gesamte Portfolio ziehe – von Schalt- und Steuerungstechnik über KNX-Gebäudeautomation bis hin zu Lösungen für Photovoltaik und E-Mobilität. Doch weder Umsatzanteile nachhaltiger Produkte noch Investitionsvolumina in Forschung und Entwicklung werden genannt.

Für Elektrofachbetriebe, Planer und Einkäufer in Industrie und Gewerbe ist diese Informationslücke problematisch. Während Wettbewerber wie Schneider Electric oder Siemens zunehmend transparente Nachhaltigkeitsberichte mit Science-Based Targets und verifizierbaren CO₂-Bilanzen vorlegen, bleibt ABB Österreich im Interview auf der Ebene von Schlagworten. Das ist umso bemerkenswerter, als der globale ABB-Konzern selbst ambitionierte Klimaziele kommuniziert – die österreichische Landesgesellschaft spiegelt diese offenbar nicht in gleicher Detailtiefe wider.

Portfolio-Breite vs. Spezialisierung: Was bedeutet „quer durch die Palette"?

ABB Österreich deckt ein breites Produktspektrum ab: Von Leitungsschutzschaltern und Fehlerstromschutzschaltern über Gebäudeautomation bis zu industriellen Antrieben. Die Formulierung „Nachhaltigkeit quer durch die Palette" legt nahe, dass in allen Bereichen grüne Innovationen vorangetrieben werden. Doch auch hier fehlt die Präzisierung: Welche Produktlinien wurden konkret überarbeitet? Gibt es neue Energiemanagementsysteme, die den Eigenverbrauch in Gewerbeimmobilien optimieren? Wurden Verluste in Schaltgeräten reduziert oder Materialkreisläufe geschlossen?

Im Bereich der Gebäudeautomation bietet ABB Lösungen für Smart Buildings an, die Heizung, Lüftung, Beleuchtung und Zutrittskontrolle zentral steuern. Solche Systeme können den Energieverbrauch von Büro- und Gewerbegebäuden um 20 bis 30 Prozent senken – wenn sie richtig geplant und betrieben werden. Doch wie weit ist ABB Österreich bei der Integration von KI-gestützter Gebäudesteuerung, die auf Nutzungsprofile reagiert und Lastspitzen automatisch glättet? Konkrete Referenzprojekte oder Case Studies nennt Kohlmaier im Interview nicht.

Photovoltaik und Energiespeicher: Kernkompetenz oder Randbereich?

Österreich erlebt seit zwei Jahren einen Boom bei Photovoltaikanlagen und Heimspeichern. Die Nachfrage nach Wechselrichtern, Energiespeichern und intelligenten Ladesteuerungen für E-Fahrzeuge wächst zweistellig. ABB verfügt über ein breites Portfolio in diesem Segment, von String-Wechselrichtern für Einfamilienhäuser bis zu DC-gekoppelten Gewerbespeichern. Doch im Wettbewerb mit spezialisierten Anbietern wie SolarEdge oder Fronius muss sich das Unternehmen behaupten.

Die zentrale Frage: Wie positioniert sich ABB Österreich im Heimspeichermarkt? Setzt man auf eigene Systeme oder auf Partnerschaften? Welche Rolle spielen E-Mobilitätslösungen, etwa die Integration von Vehicle-to-Home-Funktionen oder bidirektionalen Wallboxen? Auch hier liefert das Interview keine Antworten. Dabei wäre gerade die Verknüpfung von Gebäudetechnik, PV-Anlagen und Ladeinfrastruktur ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber reinen Photovoltaik-Spezialisten.

Transparenz als Wettbewerbsfaktor: Was Kunden erwarten

Fachhandwerker und Systemintegratoren stehen unter zunehmendem Druck, Endkunden nachhaltige Lösungen zu bieten. EU-Taxonomie, ESG-Reporting und Förderrichtlinien erfordern belastbare Nachweise über Energieeffizienz, Materialherkunft und Lebenszyklus-CO₂. Hersteller, die hier keine transparenten Daten liefern, verlieren an Wettbewerbsfähigkeit. Schneider Electric etwa veröffentlicht für viele Produkte Environmental Product Declarations (EPD), die den CO₂-Fußabdruck von der Rohstoffgewinnung bis zum Recycling dokumentieren. Siemens hat für sein Gebäudetechnik-Portfolio eine Roadmap zur Klimaneutralität 2030 vorgelegt.

ABB Österreich bleibt in dieser Hinsicht hinter den Erwartungen zurück – zumindest in der öffentlichen Kommunikation. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass intern keine Fortschritte erzielt werden. Doch ohne verifizierbare Kennzahlen und messbare Meilensteine bleibt die Nachhaltigkeitsstrategie für externe Beobachter intransparent. Das kann zum Problem werden, wenn Ausschreibungen konkrete Nachweise verlangen oder wenn Großkunden eigene Scope-3-Emissionen (also die indirekten Emissionen in der Lieferkette) reduzieren müssen.

Produktlebensdauer und Kreislaufwirtschaft: Blinde Flecken?

Ein weiterer Aspekt, der im Interview nicht angesprochen wird: Wie sieht es mit der Produktlebensdauer, Reparierbarkeit und Recyclingfähigkeit aus? Gerade bei Schaltgeräten, Verteilern und Automatisierungskomponenten liegt hier erhebliches Potenzial. Modularität, Ersatzteilversorgung über Jahrzehnte und die Möglichkeit zur Softwareaktualisierung können die Gesamtbilanz eines Produkts erheblich verbessern. Doch während Wettbewerber wie Eaton oder Hager zunehmend auf Circular-Economy-Ansätze setzen, fehlt von ABB Österreich eine klare Positionierung.

Auch die Frage nach der Lieferkette bleibt offen. Woher stammen die Rohstoffe für Kunststoffgehäuse, Kupferleiter und elektronische Bauteile? Gibt es Zertifizierungen für konfliktfreie Mineralien oder nachhaltige Beschaffung? Für Unternehmen, die nach ISO 14001 oder EMAS zertifiziert sind, sind solche Informationen entscheidend – und sie erwarten sie auch von ihren Lieferanten.

Zwischen globalem Konzernziel und lokaler Umsetzung

Die Diskrepanz zwischen der globalen ABB-Kommunikation und der österreichischen Landesgesellschaft fällt auf. Der Konzern hat sich verpflichtet, bis 2030 an allen eigenen Standorten klimaneutral zu sein und bis 2050 Netto-Null-Emissionen über die gesamte Wertschöpfungskette zu erreichen. Diese Ziele sind ambitioniert – doch wie viel davon kommt in Österreich an? Welche Maßnahmen werden an den Standorten in Wien oder Linz konkret umgesetzt? Gibt es Investitionen in Photovoltaik auf Betriebsgebäuden, Umstellung der Firmenflotte auf E-Fahrzeuge oder energetische Sanierung der Produktionsstätten?

Solche Informationen wären nicht nur für die Öffentlichkeit relevant, sondern auch für Mitarbeiter, Geschäftspartner und potenzielle Kunden. Transparenz schafft Vertrauen – und kann im B2B-Geschäft zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal werden. Dass Kohlmaier im Interview darauf verzichtet, konkrete Beispiele zu nennen, ist eine verpasste Chance.

Fazit: Nachhaltigkeitskommunikation braucht Substanz

Das Interview mit ABB-Österreich-Chef Franz Kohlmaier zeigt ein Dilemma vieler etablierter Industrieunternehmen: Die Bereitschaft zu kommunizieren ist da, doch die Substanz bleibt dünn. Allgemeine Bekenntnisse zu Nachhaltigkeit reichen in einem Markt, der zunehmend von regulatorischen Anforderungen und Kundennachfrage nach belastbaren Nachweisen geprägt ist, nicht mehr aus. Fachhandwerker, Planer und gewerbliche Kunden erwarten heute konkrete Zahlen: CO₂-Reduktionsziele, Energieeffizienzklassen, Recyclingquoten, Lieferkettentransparenz.

ABB Österreich hat zweifellos die technische Kompetenz und das Portfolio, um in diesem Umfeld erfolgreich zu sein. Doch solange die Nachhaltigkeitsstrategie nicht mit überprüfbaren Fakten untermauert wird, bleibt sie ein Versprechen ohne Beleg. Der nächste Schritt sollte eine detaillierte Veröffentlichung von Nachhaltigkeitskennzahlen sein – idealerweise nach anerkannten Standards wie GRI oder CSRD. Nur so lässt sich der Anspruch, Nachhaltigkeit „quer durch die Palette" zu verankern, glaubwürdig vermitteln.

Für die Branche bleibt die zentrale Frage: Werden Unternehmen wie ABB Österreich den Sprung von der Absichtserklärung zur messbaren Umsetzung schaffen – oder bleibt Nachhaltigkeit Marketingsprache ohne Substanz? Die kommenden Monate werden zeigen, ob auf Kohlmaiers Versprechen konkrete Taten folgen. Die Kunden und Partner warten darauf.

Quellen