Lithium-Ionen-Akkus aus Elektrofahrzeugen und Konsumgeräten entwickeln sich zum Sicherheitsrisiko in Recyclinganlagen. Siemens Österreich reagiert mit einem Früherkennungssystem, das Brände durch defekte Batterien verhindern soll. Die Lösung kombiniert thermische Überwachung mit Brandmeldetechnik und zielt auf einen Markt, der durch steigende Rücknahmemengen und verschärfte Sicherheitsauflagen unter Druck steht.

Warum Recyclingbetriebe zunehmend brennen

Die Menge an ausgedienten Lithium-Ionen-Zellen steigt: Allein in Europa sollen bis 2030 nach Schätzungen der Branche über 700.000 Tonnen Batterien jährlich zur Entsorgung anfallen. Recyclinganlagen müssen E-Auto-Akkus, Smartphone-Batterien und Powerbanks verarbeiten – oft beschädigt, tiefentladen oder mit defekten Zellen. Beim mechanischen Zerkleinern oder bei unsachgemäßer Lagerung kann es zu Kurzschlüssen, thermischem Durchgehen und Bränden kommen. Die Branche spricht von einer „tickenden Zeitbombe im Förderstrom".

Klassische Brandmeldesysteme schlagen meist erst an, wenn Rauch oder offenes Feuer entstehen. Zu diesem Zeitpunkt hat sich das Feuer oft schon ausgebreitet, Löschanlagen reagieren verzögert, und die hohe Energiedichte der Akkus erschwert die Brandbekämpfung. Siemens setzt daher auf Früherkennung: Das System überwacht Temperaturschwankungen in Echtzeit und erkennt bereits thermische Anomalien, bevor sich ein Vollbrand entwickelt.

Wie das Siemens-System funktioniert

Die Lösung kombiniert Wärmebildkameras, Temperatursensoren und Brandmeldezentralen der Cerberus-Produktfamilie. Sensoren entlang der Förderbänder und in Lagerzonen messen kontinuierlich die Oberflächentemperatur von Batterien. Sobald ein definierter Schwellwert überschritten wird – etwa durch einen anlaufenden thermischen Durchgehen-Prozess – löst die Zentrale Alarm aus. Parallel können automatische Löschanlagen aktiviert, betroffene Förderstrecken gestoppt oder Bereiche isoliert werden.

Das System integriert sich in bestehende Gebäudeautomation und lässt sich mit übergeordneten Leitstellen koppeln. Betreiber erhalten Echtzeitwarnungen auf mobilen Endgeräten und können über ein Dashboard den Zustand kritischer Zonen überwachen. Siemens verspricht eine Reaktionszeit im Sekundenbereich – deutlich schneller als herkömmliche Rauchmelder.

Regulatorischer Druck wächst

Die EU hat 2023 die Batterieverordnung verschärft: Ab 2025 gelten strengere Vorgaben für Sammlung, Recycling und Sicherheitsstandards. Recyclingbetriebe müssen nachweisen, dass sie Gefahrenquellen beherrschen – sonst drohen Betriebsuntersagungen oder Haftungsrisiken. Versicherer erhöhen Prämien oder verweigern Deckung, wenn keine adäquaten Brandschutzmaßnahmen vorhanden sind. Das treibt Investitionen in Sicherheitstechnik.

In Österreich und Deutschland haben sich die gemeldeten Brandfälle in Recyclinganlagen in den vergangenen drei Jahren verdoppelt, wie Zahlen der Berufsgenossenschaften zeigen. Betroffen sind vor allem Anlagen, die gemischte Elektroaltgeräte verarbeiten – dort landen Akkus oft unerkannt im Schredder. Auch Energiespeicher aus ausgedienten E-Bikes und E-Scootern gelten als Risikofaktor.

Marktposition und Wettbewerb

Siemens positioniert das System als modulare Lösung für Neuanlagen und Nachrüstungen. Konkurrenten wie Schneider Electric und ABB bieten ebenfalls Brandfrüherkennungssysteme an, setzen aber teils auf andere Sensortechnologien – etwa Gasdetektion oder akustische Überwachung. Siemens argumentiert, dass Thermografie die zuverlässigste Methode sei, weil sie den physikalischen Ursprung des Problems – Überhitzung – direkt adressiere.

Für Betreiber stellt sich die Frage nach Kosten und Amortisation. Eine Vollausstattung mit Sensoren, Zentralen und Software kann im sechsstelligen Bereich liegen. Dem gegenüber stehen aber Ausfallkosten bei Bränden, die schnell in die Millionen gehen, sowie gestiegene Versicherungsprämien. Branchenvertreter berichten, dass sich Investitionen in Früherkennungssysteme bei größeren Anlagen innerhalb von zwei bis drei Jahren rechnen können – allein durch vermiedene Sachschäden und geringere Prämien.

Was Elektrofachbetriebe wissen müssen

Die Installation solcher Systeme erfordert Fachwissen in Brandmeldetechnik, Netzwerktechnik und Gebäudeautomation. Elektroinstallateure, die bereits mit KNX-Bus-Systemen oder industrieller Steuerungstechnik vertraut sind, können hier neue Geschäftsfelder erschließen. Siemens bietet Schulungen für Fachpartner an, die sich auf Recycling- und Industrieumgebungen spezialisieren wollen.

Auch die Wartung wird zum wiederkehrenden Auftrag: Sensoren müssen regelmäßig kalibriert, Software-Updates eingespielt und Systeme an veränderte Prozesse angepasst werden. Für Betriebe, die smarte Infrastruktur bereits in anderen Bereichen umsetzen, liegt hier eine logische Erweiterung.

Ausblick: Lithium-Recycling als Dauerthema

Das Problem wird sich verschärfen: Bis 2030 rechnen Analysten mit einem Anstieg der zu recycelnden Lithium-Ionen-Akkus um den Faktor vier. Gleichzeitig steigt der Druck, Rohstoffe wie Lithium, Kobalt und Nickel zurückzugewinnen – die EU will bis 2035 Recyclingquoten von 70 Prozent für Batterien vorschreiben. Das bedeutet: Mehr Anlagen, mehr Durchsatz, mehr Risiko.

Hersteller wie Siemens setzen darauf, dass Sicherheitstechnik zum Standardbestandteil jeder Recyclinglinie wird. Parallel entwickeln sie Lösungen für E-Mobilität und stationäre Speicher – Märkte, in denen Brandsicherheit ebenfalls an Bedeutung gewinnt. Wer heute in Früherkennungssysteme investiert, bereitet sich auf eine Zukunft vor, in der Lithium-Ionen-Akkus allgegenwärtig sind – und ihre sichere Handhabung zum Wettbewerbsvorteil wird.

Quellen