Electrosuisse, der Schweizer Fachverband für Elektro-, Energie- und Informationstechnik, hat auf seiner Website einen eigenen Karriere-Bereich eingerichtet und bietet aktiv Lehrstellen an. Für einen Verband, der in der Schweiz primär mit der Normensetzung und der Vertretung der Branche in Verbindung gebracht wird, ist dieser Schritt bemerkenswert – und wirft ein Schlaglicht auf die Personalengpässe im Elektrohandwerk.
Welche Berufsbilder bildet ein Verband aus?
Auf der Website listet Electrosuisse unter der Rubrik „Karriere" konkrete Lehrstellenangebote auf. Der Verband sucht Auszubildende für kaufmännische und technische Berufe. Dabei geht es nicht um die klassische Elektroinstallation – vielmehr werden Fachkräfte für den eigenen Betrieb ausgebildet, etwa im kaufmännischen Bereich oder in der technischen Administration. Das ist insofern konsequent, als Electrosuisse über umfangreiche Dienstleistungsfelder verfügt: Von der Ausstellung von Elektro-Sicherheitsnachweisen über Prüfungen und Zertifizierungen bis zur Entwicklung nationaler Normen und zur Schulung von Fachleuten.
Dennoch ist die Entscheidung, eigene Lehrlinge auszubilden, für einen Branchenverband ungewöhnlich. In Deutschland oder Österreich übernehmen diese Aufgabe in der Regel die Mitgliedsunternehmen selbst. Dass ein Verband nun selbst als Ausbilder auftritt, deutet darauf hin, dass die Organisation einerseits eine stabile Personalplanung für ihre eigenen Strukturen benötigt – und andererseits eine Vorbildfunktion für die Mitgliedsunternehmen übernehmen will.
Fachkräftemangel trifft die gesamte Wertschöpfungskette
Der Schritt von Electrosuisse passt in ein Gesamtbild, das die gesamte Elektrobranche in der Schweiz prägt: Der Mangel an qualifizierten Fachkräften verschärft sich kontinuierlich. Die Anzahl abgeschlossener Ausbildungsverträge im Bereich Elektroinstallation und verwandter Gewerke ist seit Jahren rückläufig, während der Bedarf – getrieben durch die Energiewende, den Ausbau der Photovoltaikanlagen und die zunehmende Integration von KNX-Bus-Systemen in Neubauten – wächst.
Electrosuisse positioniert sich mit der eigenen Ausbildung nicht nur als Arbeitgeber, sondern sendet auch ein Signal an die Branche: Wer qualifiziertes Personal benötigt, muss selbst investieren. Dieser Ansatz dürfte vor allem für Verbände und Organisationen relevant sein, die ähnliche Aufgaben in der technischen Normung, Prüfung und Weiterbildung übernehmen. In Österreich verfolgt etwa die OBO Bettermann einen vergleichbaren Ansatz und bildet eigene Lehrlinge in Produktions- und Vertriebsberufen aus.
Normengeber als Arbeitgeber: Ein Rollenwechsel?
Electrosuisse ist in der Schweiz für die Übernahme internationaler Elektro-Normen und die Anpassung an nationale Anforderungen zuständig. Die Organisation arbeitet eng mit internationalen Gremien wie der IEC (International Electrotechnical Commission) zusammen und gibt die Niederspannungs-Installationsnorm (NIN) heraus, die in der Schweiz verbindlich ist. Damit kommt dem Verband eine Schlüsselrolle in der technischen Regulierung zu.
Gleichzeitig betreibt Electrosuisse ein breites Dienstleistungsportfolio, das von Prüf- und Zertifizierungsstellen über Schulungszentren bis zu Beratungsangeboten für Mitgliedsunternehmen reicht. Diese Aufgaben erfordern qualifiziertes Personal – nicht nur Ingenieure und Techniker, sondern auch kaufmännische Fachkräfte, die Prozesse steuern, Datenbanken pflegen und Kundenkontakte managen. Genau diese Stellen will der Verband mit eigenen Lehrlingen besetzen.
Der Rollenwechsel vom reinen Branchenvertreter zum Ausbildungsbetrieb ist dabei kein Widerspruch, sondern eine logische Konsequenz: Wer die Qualität der Normen und Prüfungen hochhalten will, muss selbst über qualifiziertes Personal verfügen. Und dieses Personal lässt sich in Zeiten knapper Fachkräfte nicht mehr einfach auf dem freien Markt rekrutieren.
Vorbild für andere Branchenorganisationen?
Ob das Modell von Electrosuisse für andere Verbände in Deutschland, Österreich oder der Schweiz Schule machen wird, bleibt abzuwarten. Entscheidend wird sein, wie viele Lehrstellen der Verband langfristig anbieten kann und wie hoch die Übernahmequote nach Abschluss der Ausbildung ausfällt. Eine erfolgreiche Ausbildungsstrategie lebt davon, dass die Lernenden nicht nur versorgt, sondern in die betrieblichen Abläufe integriert und mit Perspektiven ausgestattet werden.
Für die Mitgliedsunternehmen von Electrosuisse könnte die Initiative durchaus positiv wirken: Sie signalisiert, dass auch der Verband selbst in die Zukunft der Branche investiert. Gleichzeitig erhöht sie den Druck auf die Unternehmen, selbst aktiv zu werden – denn wenn schon der Verband eigene Lehrlinge ausbilden muss, um seinen Betrieb aufrechtzuerhalten, dann ist der Engpass offensichtlich branchenübergreifend.
Was bedeutet das für Installateure und Handwerksbetriebe?
Für Elektroinstallateure in der Schweiz und in den angrenzenden Märkten ist die Entwicklung ein weiterer Beleg dafür, dass der Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte sich verschärft. Wer heute noch keine eigene Ausbildungsstrategie verfolgt, wird mittelfristig Schwierigkeiten haben, Aufträge anzunehmen – insbesondere in zukunftsträchtigen Bereichen wie der Installation von Energiemanagementsystemen oder der Integration von Smart Meter-Infrastruktur.
Die Ausbildung bei Electrosuisse mag zwar nicht direkt in klassische Elektroinstallationsberufe führen, doch die Tatsache, dass ein Verband diesen Schritt geht, unterstreicht die Dringlichkeit des Themas. Ähnlich wie etwa die Schneider Electric oder Siemens, die in der DACH-Region ebenfalls eigene Ausbildungsprogramme für technische und kaufmännische Berufe fahren, zeigt Electrosuisse, dass Investitionen in die eigene Personalentwicklung kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit sind.
Fazit: Signal mit Tragweite
Electrosuisse reagiert mit der Einrichtung eigener Lehrstellen auf eine Situation, die für die gesamte Elektrobranche in der Schweiz symptomatisch ist: Zu wenige junge Menschen entscheiden sich für eine Ausbildung im Elektrobereich, während die Anforderungen durch Energiewende, Digitalisierung und Automatisierung steigen. Der Verband übernimmt damit eine Doppelrolle: als Normengeber und als Arbeitgeber, der selbst in die Zukunft investiert.
Ob sich andere Branchenverbände oder Organisationen in Deutschland und Österreich ein Beispiel nehmen, bleibt abzuwarten. Für Schweizer Elektroinstallateure und Handwerksbetriebe ist die Initiative in jedem Fall ein Weckruf: Wer im Wettbewerb um Fachkräfte bestehen will, muss selbst ausbilden – und zwar jetzt.
Weitere Informationen zur Energiewende-Regulierung in der Schweiz finden sich in unserem Themenportal MuKEn 2014/2025 – Mustervorschriften Kantone (CH). Auch die Entwicklung bei Branchenverbänden in anderen Märkten zeigt ähnliche Tendenzen, wie etwa die Berichte über Swissolar verstärkt Team: Expansion oder Reaktion auf PV-Boom? und Swissolar baut Partnernetzwerk aus verdeutlichen.